Das Glück der Ruhe opfern

Birgit Pungs

 

Als ich vor ein paar Wochen gefragt wurde, welchen Titel ich meinem Eröffnungsbeitrag geben wolle, kam mir spontan Das Glück der Ruhe opfern in den Sinn. Das mag daran gelegen haben, dass ich gerade ein paar Tage vorher umgezogen war – von Köln nach Berlin -, ein Unternehmen, das gewöhnlich nicht gerade mit Ruhe in Verbindung gebracht werden kann. Also habe ich diese Formulierung in den Raum geworfen. Einen Satz für einen Einsatz für ein Projekt. Ich muss zugeben, dass dieser eine Satz, nachdem ich ihn nun ein bisschen mit spazieren genommen habe, mir immer wieder neue Anstöße gibt ...

 Freud schreibt im Unbehagen in der Kultur vom Glück der Ruhe. Er identifiziert dort das Programm des Glücks mit dem Lustprinzip und stellt das Glück der Ruhe in den Kontext von Vereinsamung, Fernhaltung von den anderen und Abwendung von der Außenwelt. Exemplarisch für das dazu notwendige Ertöten der Triebe und das Aufgeben aller anderen Tätigkeiten führt er Intoxikation und Yogapraxis, also Askese, an. Diese sollen Beispiele dafür sein, wie man das Glück der Ruhe erwerben kann. Ein Zitat aus dem Unbehagen: “Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: das Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe. Gegen die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders als durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen, wenn man diese Aufgabe für sich allein lösen will. Es gibt freilich einen anderen und besseren Weg, indem man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik zum Angriff auf die Natur übergeht und sie menschlichem Willen unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen am Glück Aller.“[1] Soweit Freud.

Das Glück der Ruhe ist bei Freud also ein einsames, passives, und damit sicher nur ein sehr eingeschränktes Glück. Der Asket opfert also eher der von ihm angestrebten Ruhe das Glück. Umgekehrt liegt nahe, dass man, um eine Möglichkeit auf Glück im eigentlichen Sinn zu haben, das Glück der Ruhe opfern muss, weil man sonst immer nur Ruhe, Triebstagnation, hätte, ohne Glück. Lacan hat sich mit der logischen Struktur des vel, des Oder, beschäftigt, die hier ins Spiel kommt.[2] Es ist die Struktur des Subjekts des Unbewussten schlechthin. Dieses besondere vel nennt Lacan ein vel der Entfremdung. Die Wahl zwischen den zwei Termen, also Glück oder Ruhe, führt dazu, dass man immer denselben eliminiert, egal welchen man wählt. Die Konsequenz ist ein “Weder das eine, noch das andere”. Die Wahl der Ruhe lässt nur ein sehr beschädigtes Glück übrig, die Wahl des Glücks zieht mit der Ablehnung der Ruhe ein Verfolgen der sehr ungewissen Glücksmöglichkeiten in der Beziehung zu den anderen nach sich. Das Glück entzieht sich also in beiden Fällen. Aber was dann? Die Würfel scheinen demnach von vornherein gefallen, aber es handelt sich trotzdem um keine rein willkürliche Wahl, sondern um eine von einem velle, einem Wollen, durchdrungene, eine Trennung gewissermaßen, die gewollt ist.

 Sie kennen bestimmt die Kölner Heinzelmännchen-Sage, diese kleinen Männlein, die fleißig nachts im Verborgenen die Arbeit der schlafenden Handwerksleute tun, die wiederum gar nicht arbeiten, weil, eh sie erwachen, ihr Tagewerk schon gemacht ist.[3] Die Heinzelmännchen, die in der Sage übrigens nackend sind, bekommen sie nie zu Gesicht, nur das Produkt ihres Schaffens: das fertige Haus, die gebackenen Brote usw.

Diese Bewegung des Auftauchens, Arbeitens und sich Wiederentziehens, die die Heinzelmännchen uns vorführen – erinnert das nicht an das Unbewusste, das mit den Heinzelmännchen doch die Eigenschaft teilt, zu verschwinden, sobald man meint, es zu fassen zu kriegen?

Ein Aufklaffen, ein Pulsieren. In der psychoanalytischen Arbeit muss man immer Tuchfühlung haben mit dieser Struktur des Unbewussten.

In Die Stellung des Unbewußten sagt Lacan: “Der Platz, um den es hier geht, ist der Eingang zu jener Höhle, hinsichtlich dessen Platon uns bekanntlich zum Ausgang führt, während man sich vorstellt, den Analytiker eintreten zu sehen. Damit ist es jedoch nicht so einfach, denn es handelt sich dabei um einen Eingang, zu dem man gerade immer in dem Augenblick kommt, wo geschlossen wird [...]”.[4]

 Aber das heißt nicht, dass nichts zu machen ist. Die Heinzelmännchengeschichte endet mit dem Einfall eines neugierigen Schneidersweibs, das Erbsen ausstreut, um die Heinzelmännchen ins Schlittern zu bringen und mal zu gucken, was sie da so treiben (und es gibt ja auch was zu sehen: sie sind ja nackt). Die kleinen Männlein kommen also angetippelt, rutschen auf den Erbsen aus, die Schneidersfrau richtet die Lampe auf sie, was zur Folge hat, dass die Männchen flüchten, so schnell sie können: “Sie springt hinunter auf den Schall / Mit Licht: husch husch husch husch! – verschwinden All!”[5]

Jetzt ist es aus mit dem Glück der Ruhe, der Oblomowerei der Zimmerleute, Bäckermeister, Fleischer, Küfer und Schneider: “Man kann nicht mehr wie sonsten ruh'n, / Man muß nun Alles selber thun!” Ein Akt der Subjektivierung, der vermutlich sogar in direktem Zusammenhang mit der Motivation, der Wahl dieses Aktes steht: genau dieses und kein anderes Opfer. Die Schneidersfrau opfert das Glück der Ruhe für sich und die anderen; die “schöne Zeit” kommt nicht wieder, aber sie hat durch ihre Neugier die Heinzelmännchen zum Stolpern gebracht, immerhin: “Die gleiten von Stufen / Und plumpen in Kufen, / Die fallen, / Mit Schallen, / Die lärmen und schreien / Und vermaledeien!”

 Ist nicht das Schneidersweib hier von so etwas wie dem Begehren des Analytikers geleitet? Da, wo es hapert, tut sich etwas vom Unbewussten auf, so ähnlich formuliert es Lacan. Die Heinzelmännchengeschichte ist – wie sie merken – eine richtige “Fall-Geschichte”, denn das Eingreifen des Schneidersweibs führt zu einem radikalen Schnitt; der Eingriff bringt etwas zu Fall: das Glück der Ruhe. Das ist ein gewaltsamer und sogar auch ein destruktiver Akt, wie auch in der Analyse die Kunstbildung des Symptoms zerstört wird. Aber es endet nicht alles, sondern es wird etwas verlagert, verschoben, umverteilt, nämlich die Arbeit, die einmal mehr zu tun ist.

 Sowohl die intensive als auch die extensive psychoanalytische Arbeit glückt vielleicht dann nur, wenn es gelingt, dieses Glück und die damit verbundenen Sicherheiten zu opfern.

 




[1]   Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, GW XIV, S. 419-506, hier S. 435.

[2]   Vgl. Jacques Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XI, Weinheim, Berlin 1987, S. 220-224, sowie Jacques Lacan, Die Stellung des Unbewußten, in: Schriften II, 3. Auflage, Weinheim, Berlin 1991, S. 205-230, hier S. 220ff.

[3]   August Kopisch, Die Heinzelmännchen zu Köln, in: Gedichte, Berlin 1836, S. 98-102, Ernst Weyden, Cöln's Vorzeit, Cöln am Rhein 1826, S. 200-202.

[4]   Jacques Lacan, Die Stellung des Unbewußten, a. a. O., S. 216.

[5]   August Kopisch, Die Heinzelmännchen zu Köln, a. a. O.