Wieder wie durch Zufall

Michaela Wünsch

 

Ich möchte vorschlagen, dass die Formel „Wieder wie durch Zufall“ sowohl eine Begegnung mit dem Realen charakterisiert, als auch das Auftreten des Komischen. Die Wiederholung des Zufalls impliziert, dass der Zufall sich nicht so zufällig ereignet, wie es scheint, aber auch, dass sich in der Wiederkehr des Gleichen das Unerwartete einschleicht.

Die slovenische Philosophin und Mitbegründerin der Ljubljaner Schule für Psychoanalyse Alenka Zupan?i? umschreibt in ihrem Text „Die Rekonstruktion der Komödie“ dieses Verhältnis als die Diskrepanz zwischen dem Ich und dem Es.[1]

Sie nennt zwei komische Beispiele, die dieses Verhältnis demonstrieren sollen: zum einen die unweigerlich komische Situation, in der jemand die Straße entlang geht und plötzlich flach aufs Gesicht fällt. „Ziemlich kontinuierlich geht das Ich die Straße entlang, während das Es (in diesem Fall personifiziert durch den Körper) flach auf dem Boden liegt.“ (142) Ein weiteres Beispiel stammt aus Molières Tartuffe: der Betrüger Tartuffe gibt seinem abwesenden Diener so laut die Anweisung, Büßerhemd und Peitsche wegzusperren, dass es die Zofe Dorine wie zufällig mit anhören kann. Wie Zupan?i? ausführt, ist für Bergson diese Szene ein Beispiel für die Formel zur Ursache des Lachens: „Mechanisches als Kruste über dem Lebendigen“. Für Bergson wirkt Tartuffe alleine dadurch komisch, dass er genauso reden würde, wenn auch Dorine ihn nicht hören könnte, weil er seine Heuchlerrolle sozusagen aufrichtig spielt. „Komisch ist hier, wie sich eine lebendige Person im Automatismus verheddert und dieser die Oberhand gewinnt.“ (152) Für Zupan?i? zeigt das Beispiel, dass die Komödie mit der Tatsache zu tun hat, dass die Verfassung des Menschen durch das in Erscheinung treten des Signifikanten festgelegt wird und zwar in der durch die Wiederholung der Geste in ihrem grundsätzlichen Fehlschlagen (153).

 

Die Wiederholung allein ist bereits eines der wichtigsten Instrumente des Komischen.

Zupan?i?s Kollege Mladen Dolar nennt in seinem Text in demselben Band zur Komödie einige Beispiele der Wiederholung identischer Sätze aus der Literatur, dem Film und Fernsehen. „In all diesen Fällen wird jede Wiederholung desselben Satzes immer komischer, als ob ein Schneeballeffekt die Zeilen erfassen würde, mit jedem neuen Auftauchen des Selben.“[2] Dieselbe Lust an der Wiederholung der Syntax, der Abfolge der Signifikanten, wie sie auch Lacan in Bezug zum Fort-Da-Spiel beschreibt, scheint sich in der Filmrezeption, am Wortwitz, in der ästhetischen Wahrnehmung der äußeren Form zu wiederholen, denn nicht der Sinn des Gesagten löst das Lachen aus, sondern die Abwesenheit der Bedeutung. Nach Dolar produziert diese Bedeutungslosigkeit in der Wiederholung einen Überraschungseffekt, wie er anhand eines wiederholten Satzes in der Fernsehserie ’allo ’allo schlussfolgert:

„Wir wissen natürlich, daß dasselbe in der nächsten Episode passieren wird (...) und doch können wir nicht anders, als überrascht zu sein, immer werden wir überrumpelt, unvorbereitet ertappt, wir können (dem Lachen) nicht widerstehen, in seiner absoluten Stupidität und unendlichen Wiederholung ist es unaufhaltsam (...) Und hier denke ich, liegt der Kern der Wiederholung: ihre allerhöchste Genauigkeit und doch Unvorhersehbarkeit, ihre Überraschung; man wird überrascht von dem, was ganz und gar erwartet wurde.“[3]

Diese Überraschung ergibt sich daraus, dass in der Wiederholung immer etwas entsteht, was der Symbolisierung entkommt.

 „Der springende Punkt für unsere Zwecke hier ist, dass die symbolische Ordnung, während sie mich mit einer Identität ausstattet, diese Identität auf der Basis einer Kluft, eines Abstands und einer Diskrepanz aufbaut.“[4].

Die Komödie entsteht um die zwei Achsen zwischen dem Namen und dem Mehr an Genießen herum, die wir durch die Begegnung mit dem Signifikanten erhalten. Während das Symbolische in der formalen mechanischen Wiederholung von Gesten jenseits ihrer Bedeutung artikuliert, erscheint das Mehr-Genießen in dem überraschenden Moment oder dem Zufälligen.

Lacan verknüpft in dem Kapitel „Tyche und Automaton“ der Vier Grundbegriffe der Psychoanalyse die Wiederholung untrennbar mit dem Zufall: „Das, was sich wiederholt, ist tatsächlich immer etwas, das sich – und dieser Ausdruck sagt schon genug über sein Verhältnis zur Tyche – wie durch Zufall ereignet.“[5]

Den Zufall, benannt nach Aristoteles’ Vokabular der Göttin des Schicksals, der Fügung und des Zufalls, ordnet Lacan dem Realen zu und differenziert es zunächst vom Automaton, „der Wiederkehr, des Wiedererscheinens, des Insistierens der Zeichen, auf die wir durch das Lustprinzip verpflichtet sind. Das Reale liegt stets hinter dem Automaton.“ (ebd.)

Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Reale dem Symbolischen vorgängig oder nachträglich gegenübersteht. Tatsächlich kann man das Reale und das Symbolische, oder Tyche und Automaton, nicht voneinander trennen, da sie sich nur scheinbar gegenüberstehen. In dem wiederholten, automatisierten Insistieren des Signifikanten gibt es immer etwas, dass der Symbolisierung widersteht, das wie zufällig die Ordnung stört. „Um es kurz zu sagen, Tyche ist die Lücke von Automaton. [...] In jeder Wiederholung liegt schon, auf minimale Art und Weise, die Entstehung dessen, was der Symbolisierung entkommt.“[6]

Dolars Aussage, dass das Reale der Symbolisierung entkommt, heißt nichts anderes, als dass es zugleich durch die Symbolisierung hervorgebracht ist. Beim Fort-Da-Spiel ist dies zum Beispiel die Spule als Objekt a, die nach Lacan, im Unterschied zu Freud nicht die Mutter vertritt, sondern „vielmehr ein kleines Etwas vom Subjekt, das sich ablöst“[7].

Wenn dieses Reale, die Tyche, wie Lacan schreibt, die traumatische Seite der Symbolisierung ist, die immer wieder hochkommt, warum löst diese Wiederkehr dann ein Lachen aus?

Die Abtrennung von dem Objekt, die schmerzhafte Trennung vom Genießen, führt zu einem fortwährendem Kreislauf auf der Suche nach der vermeintlichen Wiederherstellung des Glücks, indem sich nicht nur das Objekt selbstständig macht, sondern das Subjekt das Bedürfnis nach Glück in einem Anspruch artikuliert, der davon schweift und umherflaniert, aber niemals sein Gegenstück findet.[8] Diese vergebliche Suche und die Missgeschicke, die sich daraus ergeben, ist der Stoff zahlreicher Verwechslungs- und Beziehungskomödien.

In diese lassen sich auch eine Reihe von Witzen einordnen, die Freud als Schadchengeschichten, also Geschichten um Heiratsvermittler, bezeichnet. Die Heiratsvermittlung dient der geplanten Herstellung des Glücks und der Liebe, in ihr sind also bereits Automaton und Tyche enthalten: das Glück und das zufällige Ereignis der Liebe wird eben nicht dem Zufall überlassen, sondern sorgsam geplant. Freud vermutet also, dass es vielleicht nur eine Laune des Zufalls ist, dass Witze um einen automatischen Denkfehler eben auch von Heiratsvermittlungen handeln.

Einer dieser Witze ist folgender:

„Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. – Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. – Und Augen hat sie, die muß man gesehen haben. – Heißt Augen, die sie hat! bekräftigt das Echo. – Und gebildet ist sie wie keine andere. – Und wie gebildet! – Aber das eine ist wahr, gesteht der Vermittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. – Aber ein Höcker! Bekräftigt das Echo.“[9]

Für Freud haben die Witze gemeinsam, dass ein Protagonist dem Automatismus der Gewöhnung nachgibt, obwohl dies seiner Absicht der Lobpreisung widerspricht. In allen drei Fällen geben diese automatischen Antworten etwas preis, was eine unschöne Wahrheit ist oder ein Makel, der das perfekte Bild stört. Diese Makel sind Armut oder körperliche Versehrtheiten, wie in diesem Beispiel. Man könnte sie also auch als das Lebendige unter der Kruste des Mechanischen bezeichnen, wobei die Heiratsvermittler genau die mechanischen Krusten sind. Die Sprache hat sich in ihnen derart materialisiert, dass sie ihre Rolle automatisch weiterspielen und sich im Automatismus verheddern. Als Beziehungskomödie könnte der Witz so weiter geführt werden, dass es gerade der gepriesene Höcker ist, in die sich der zukünftige Gatte verliebt, der aber dennoch zu einem ständigen Hindernis der letztendlichen Erfüllung des Glücks wird.





[1] Alenka Zupan?i?: „Die Rekonstruktion der Komödie“, in: Robert Pfaller (Hg.): Schluss mit der Komödie. Zur schleichenden Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur. Wien: Sonderzahl 2005, S. 141-161.

[2] Mladen Dolar, „Die Komödie und ihr Double“, in: Pfaller, Schluss mit der Komödie, S. 45.

[3] Dolar, S. 45f.

[4] Zupan?i?, S. 153.

[5] Jacques Lacan (1987[1964]): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Seminar XI. Hg. v. Norbert Haas u. Hans-Joachim Metzger, aus dem Französischen übersetzt von Norbert Haas. Weinheim: Quadriga, S. 60.

[6] Ebd., S. 48.

[7] Lacan 1987, S. 68.

[8] Zupan?i?, S. 148.

[9] Sigmund Freud (1970[1905]): „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, in: Ders.: Psychologische Schriften. Hg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 63.