Unvollständige Vergangenheit,

Endliches und Unendliches

Simone Bernet

 

Tagebücher, Geständnisse oder Grabreden erfassen die Gegenwart in ihrer potentiellen Geschichtlichkeit. Vor einigen Tagen erst erzählten Sie mir in einem anregenden Gespräch aus Ihrem nicht immer einfachen, eher peinvollen und doch heiteren Leben. Unbekannter Weise würde ich Ihnen heute auf diesem Weg, ebenso im Vertrauen, von meinen …. Dennoch, ich bedauere, dass ich Ihnen angesichts der späten Stunde nicht die Fragen zu stellen vermochte, die sich mir aufdrängten. Sie schilderten mir ihre außergewöhnliche Herkunft in unvergesslichen Bildern. Heißt das, sich der Geschichte im Nachhinein vergewissern, um zu dem zu werden, was noch aussteht? Das Subjekt ist in seiner Körperlichkeit seit Geburt nicht autonom, sondern narrativ singulär immer schon der Öffentlichkeit ausgesetzt. Für es wird der historische, repräsentative Diskurs, der seine einfachste Form im Familienroman findet, letztlich kaum von Belang sein. Stattdessen bietet sich hier ein Angstphänomen an, das Sigmund Freud, den Streit mit seinem ärztlichen Kollegen Wilhelm Fließ herausfordernd, in erklärender Weise, die physische Energie könne nicht ins Psychische gelangen, zur Erfindung der psychischen Realität des Gedächtnisses und ihrer Libido verarbeitete.

            Freud, sein Arbeitsgebiet infolgedessen selbst erfindend, schiebt die zu ermittelnde Vorgeschichte seiner Patienten aus dem medizinischen Blickfeld auf den postalischen Weg des Erzählens, Schreibens und Zustellens. Zugunsten eines kulturell zu erfassenden Unbewussten wendet er sich einem ganz neuartigen, ‚dekonstruktiven’ Geschichtsdenken zu. Wie Friedrich Nietzsche, der programmatisch zum Ausdruck brachte, wir brauchen Historie, aber anders als im Wissen kontemplativ aufgehoben, und wie Walter Benjamin mit dem Bewusstsein, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen, verteidigt auch Freud das Prinzip der historischen Konstruktion. Sie tritt an die Stelle  der Repräsentation, weshalb die schemenhaften Erinnerungen und Überlieferungen den zensurierenden Konventionen und ihrer göttlich finalisierten Welt abzuringen sind. Aus diesem Grund insistiert Freud in seiner späten, wenig beachteten Behandlungsschrift darauf, dass die analytische Methode die Vergangenheit in einem fortwährenden Gesprächsprozess destruierend konstruiere und  kein nur beliebiges Deuten sei (Freud, 1937). Jacques Lacan, der die Freudschen Neuschreibungen und Einschübe des Unbewussten zum Kardinalthema der Psychoanalyse erklärt, weist damit gleichwohl auf ein symbolisches Tun hin, auf dessen Spuren sich das Subjekt konstituiert (Lacan, 1953-54, S. 21f.). Der analytische Prozess eröffnet im Unterschied zu den gewohnt interaktiven Kommunikationsformen einen ganz anderen Schauplatz, Sprecher und Zuhörer gleichermaßen für sich einnehmend. Und es herrschen hier Kräfte vor wie Freud anmerkt, rätselhaft in ihrer Natur, von etwas vollständig Abwesendem, die ihn aufgrund ihrer Übertragungsfähigkeit stets aufs Neue erstaunen. Alles weist daraufhin, dass die nicht hinreichend zur Kenntnis gelangten früheren Konflikte die neue Beziehungsstruktur zu dominieren beginnen und sie sozusagen außer Kraft setzen. Der Leidende, von seinem Gesprächpartner in positiver wie negativer Weise angetan, ersetzt und fügt ihn in eine psychische ‚Reihe’ ein, die er schon ausgebildet hat, seine infantilen Vorbilder aus frühester Kindheit auf ihn übertragend.

„Immer wieder wird, wenn man sich einem pathogenen Kern annähert, zuerst der zur Übertragung befähigte Anteil des Komplexes ins Bewusstsein vorgeschoben und mit der größten Härtnäckigkeit verteidigt.“ (Freud, 1912, S. 163)

 

Es sollte sich Freud angesichts dieser mächtigen Ohnmacht zur Erkenntnis verdichten, dass im Moment der Wiederholung – der Wiederkehr des Verdrängten – die Aktualität ihre höchste Form erreicht und nicht wie gemeinhin angenommen ein an den Fortschritt der Zeit gebundenes Phänomen ist. Daraus resultierend ist die Geschichte im Status ihrer Geburt anzuerkennen, dann, wenn sie der Erinnerung gerade zu entschwinden droht. Erzählbarkeit, Einrede und Sicherinnern bilden demgegenüber keine Grundlage, dem Wesen und Wirken der Sprache über Generationen hinweg annähernd auf die Spur zu kommen. Die Psychoanalyse lehrt demzufolge, dass es ein den eigenen Selbstbildern und ihrem Bewusstwerden verschüttetes Verborgenes gibt, das an den Grenzen der Suggestion und dieser trotzend unbewusst wirksam bleibt. Entsprechend dezidiert fallen Persönliches und Kollektives zusammen, wenn Freud, die universellen Gesetzmäßigkeiten im Individuellen ausmacht und sich bemüßigt fühlt, seinen Lesern einen dazu vergleichbaren Individualismus in der Universalgeschichte vorzustellen:

 

„Erfasst man die Menschheit als ein Ganzes und setzt sie an die Stelle des einzelnen Individuums, so findet man, dass auch sie Wahnbildungen entwickelt hat, die der logischen Kritik unzugänglich sind und der Wirklichkeit widersprechen.“ (Freud, 1937, S. 406)

 

Die Bilder der Vergangenheit unterscheiden sich aufgrund ihres fiktionalen Gehaltes und ihrer immanenten Variabilität nicht von einem Akt der phantasmatischen Konstruktion. Das wesentliche Augenmerk fällt im Unterschied zur Frage der Übereinstimmung insofern auf die weit brauchbarere Kategorie der Vollständigkeit, die den Wahrheitsbegriff auf eine materielle Ebene ziehen lässt. Ebenso wie Nietzsche, der vorbrachte, es sei nur ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr wert als Schein sei, zollt auch Freud bei seinen Bemühungen, den Schutt des Fortschritts von den historischen Kultstätten abzutragen, den absichtlichen und unwillkürlichen Manövern der Verführung, der Täuschung und der Illusion seine strikte Anerkennung. Dementsprechend Lacan:


„Denn, um trügerisch zu sein, behauptet sich das Sprechen als wahr […] fordert Täuschung selbst zunächst die Stütze der Wahrheit, die es zu verbergen gilt, und in dem Maße, wie sie sich entwickelt, fordert sie eine wahrhafte Vertiefung der Wahrheit, der, wenn man so sagen kann, sie entspricht und antwortet.“ (Lacan, 1953-54, S.329-330)


Der Geltungsbereich der analytischen Konstruktion, die das Subjekt in seinen Produktionen angeht, ist demzufolge rein ökonomischer Natur: sie wirkt oder wirkt nicht auf das Unbewusste ein. Das psychoanalytische Geschäft mit einem stets nur bruchstückhaften Material bedarf indes der besonderen Aufrichtigkeit, des assoziativen Sichgehenlassens, nichts zurückzuhalten, „alles zu sagen, was einem einfällt“. Nietzsche praktizierte in seiner Redlichkeit außerhalb des psychoanalytischen Vertrags eine gleichwertige Entblößung mit dem strikten philosophischen Gebot ‚sich täglich selbst zu widersprechen’. Wie verhält es sich jedoch damit, wenn Freud, Benjamin und in gewissem Sinne auch Nietzsche in seinen täglichen Selbstüberschreitungen darauf bestehen, dass die Vergangenheit – meine, Ihre, ja unsere – überhaupt unvollständig sei? Der Anspruch nach Vollständigkeit treibt den Erzählenden an die Grenzen der Erzählbarkeit all dessen, was er sich zu erzählen vornahm und hält ihn dazu an, kaum noch sprechen zu können. Ausgehend von Jacques Lacan hieße dies, jenen stets pathogenen Kern wahrzunehmen, der nicht diskursiv ist und den der Diskurs sich krümmend und Raum gebend flieht. Hätte man unter den Voraussetzungen der prinzipiellen Unvollständigkeit gar noch eine Vorgeschichte, die sich zu erzählen braucht? Benjamin formuliert in seinen Äußerungen zur nationalen Geschichtspflege seine äußerste Skepsis dazu, insofern die Art, in der das Vergangene als Erbe gewürdigt wird, oftmals unheilvoller ist als seine Verschollenheit es sein könnte.

            Die historisch materialistische Kategorie der Unvollständigkeit widersetzt sich dagegen der epischen Struktur des betäubenden Historismus und eröffnet mit ihren Leerstellen und Lücken ein Delirium der Unabschließbarkeit, ein unendliches Erzählen, das niemals mehr ein besitzanzeigend Gemeintes sein könnte. Ihre treibende Kraft impliziert ein Misstrauen gegenüber all jenen Logiken des Sinns, die sich an den Strömungen der Sprache abschließen, wie etwa damit, man wäre zu Ende analysiert, quasi prophylaktisch für alle Zeiten. Freud, der sich unter dem Eindruck der Vorkriegszeit von solchen Euphorien distanziert, hält nichts von derartigen Auffassungen des ‚natürlichen’ Endes. Seine auch späteren Bemühungen, die Grenzen und Hindernisse der therapeutischen Wirksamkeit aufzuzeigen, finden unter den sich widerstreitenden, einstmals kosmologisch mythischen Grundmächten des Lebens von Eros und Thanatos ihre unabänderliche Realität. Infolgedessen neigt Freud zunehmend zu der Einsicht, dass der hauptsächliche Anteil des Heilungswiderstands dem Todestrieb geschuldet sei, der zugleich die letzte Ursache eines jeden psychischen Konfliktes ist (Freud, 1937, S.384). Es ist beachtlich, zu welcher existenzphilosophischen Haltung er hierbei gelangt. Auch der Eigenanalyse stellt er mit ihrem vormaligen Bestreben der Ichumarbeitung eine Unabschließbarkeit in Aussicht und damit eine Offenheit, die den Analytiker zur Analyse erst als tauglich erweisen lassen (Freud, 1937, S.388). In seiner Schrift „Die endliche und die unendliche Analyse“ häufen sich dementsprechend die Prädikate des fortwährenden Treibens, unvollständige Triebunterdrückung, Vergangenheit, Ichumarbeitung, und Freud bemerkt nebenbei, man würde besser von einer unvollständigen denn von einer unvollendeten Analyse sprechen. Das in seinen Schriften Nebenhergesagte, parenthetisch Eingeworfene hat stets, wie Lacan zu vermitteln vermochte, ein für die psychoanalytische Theorie erhebliches Gewicht. Das Unendliche der Analyse liest sich ausgehend hiervon weit weniger als ein Ausdruck der Resignation als eine von Freud wohlüberlegte Setzung.         

            Eine unvollständige und zugleich unabschließbare Geschichte eröffnet einen unendlichen Raum. Angesichts des drohenden Todes, des Endes macht sie weiter, beginnt wieder von vorn, erzählt sich selbst, entdeckt die Erzählung der Erzählung und damit die Einschachtelungen und Spiegelungen, die niemals an ihr Ende kommen. Vielleicht gibt es, wie Michel Foucault am Sprechen beschreibt, eine wesentlichen Zusammengehörigkeit zwischen dem Tod, der endlosen Fortsetzung und der Repräsentation der Sprache durch sich selbst. So gesehen reflektiert sich das Sprechen auf der Linie der Endlichkeit, nicht zuletzt, um nicht restlos zu verschwinden. Am Ende setzt das Schweigen selbst noch den Sinn aus und erzählt von jenem Anspruch der Sprache, sich unendlich fortzusetzen. Am Ende zeigt sich, wie Freud angesichts der Spiralen der Wiederholung mutmaßt, der Drang des Lebenden, zum Leblosen zurückzukehren:


„Das will nicht in Abrede stellen, dass ein [dem Todestrieb] analoger Trieb schon vorher bestanden hat, und natürlich nicht behaupten, dass ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen des Lebens entstanden ist.“ (Freud, 1937, 386)


Die Freudsche Kategorie der Vollständigkeit, von ihrem Anspruch her unerreichbar, macht, dass es spricht und setzt sich in eine Bewegung der Rückkehr und des Fliehens um, den endlichen Sinn im Unendlichen aussetzend. Sie ist der Vollendung zweifelsohne entgegensetzt.

                                                                                                                                                                                                                                                Berlin, 2010

 

Bibliographie

 

Benjamin, W. (1940): Über den Begriff der Geschichte, in: Illuminationen, Frankfurt a. M. 1977

Foucault, M. (1963): Die Sprache, unendlich, in: Schriften 1, Frankfurt a. M. 2001

Freud, S. (1887-1904): Briefe an Wilhelm Fließ, Frankfurt a. Main 1986.

Freud, S. (1912): Zur Dynamik der Übertragung. Studienausgabe, Ergz.-Bd., Frankfurt a. M. 1989

Freud, S. (1937): Konstruktionen in der Analyse. Studienausgabe, Ergz.-Bd., Frankfurt a. M. 1989

Freud, S. (1937): Die endliche und die unendliche Analyse. Studienausgabe, Ergz.-Bd., Frankfurt a. M. 1989

Lacan, J. (1953-54): Die Technischen Schriften Freuds. Seminarbuch 1, Weinheim, Berlin 1991

Nietzsche, F. (1874): Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Kritische Studienausgabe, Bd. I, München 1988.